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Gerald Szyszkowitz

DIE WIENER DRAMATURGIE

der Freien Bühne Wieden, zehntes Stück, am 15. Januar 2008

DER JUNGE SCHILLER IN WEIMAR

Lessing bezieht sich auf Aristoteles und empfiehlt im 38. Stück seiner ´Hamburgischen Dramaturgie´ im Jahr 1767 jedem Dramatiker, sich nicht gleich um die ´Fabel´, sondern vorerst einmal um eine ´tragfähige Situation´ für seine Fabel zu kümmern ... Also fragen wir uns erst einmal: Wie ist die Expositionssituation in unserem Stück SCHILLER UND DIE SCHWESTERN LENGEFELD?

Im Winter des Jahres 1788 - Schiller ist fast dreißig -, entschließt er sich, zu heiraten. Er weiß noch nicht, wen, aber er ist sich sicher, dass er einen Hausstand gründen und zu diesem Zweck einen bürgerlichen Brotberuf als Historiker anstreben will. Vorbei soll es nun sein mit dem poetischen Heldenleben eines ´freien Schriftstellers´!

Auf abenteuerlichen Flucht- und Umwegen ist er nach Weimar gekommen, in dieses Haupt- und Residenzstädtchen des Fürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach, dem Mekka der deutschen Literatur, Wohnort der Literaturheroen Wieland, Herder und Goethe, deren Anerkennung er suchen will. Vor fünf Jahren hatte er mit den ´Räubern´ einen Skandalerfolg gehabt, im letzten Sommer aber hat er schon das edle Blankversdrama ´Don Karlos´ drucken lassen, kurz, die ´wilden Zeiten´ sind vorbei, und Weimar, das ´Residenzdorf´, passt da, wie ihm scheint, sehr gut dazu.

Das Schloß mit dem spitzgiebeligen ´Vortor´, die alten Bürgerhäuser, die krummen Gassen, der Adventschmuck in den Kirchen, die kurzen Entfernungen, die Kutschen im tiefen Schnee, das alles passt zur ehrlich angestrebten Bürgerlichkeit des Ex-Revolutionärs, und ´wohl gekleidet´ macht er Herder, dem Vizepräsidenten des Oberkonsisto-riums in dessen biedermeierlichem Haus hinter der Stadtkirche seine Aufwartung - und ist entzückt von der Liebenswürdigkeit des berühmten Mannes -, ja, er besucht auch schon bald danach Wieland, der ihn ebenso herzlich begrüßt, und ihn sogar gleich in seine Großfamilie aufnimmt.

Schiller notiert: „Wieland hat eine äußerst gute Frau, hässlich wie die Nacht, aber brav wie Gold ... Und drei erwachsene Töchter voll fröhlicher Laune und einer ganz possierlichen Unschuld." Da kann man ohne viel hineinzugeheimnissen doch wohl zwischen den Zeilen lesen: Auch er hat Sehnsucht nach einer Frau ´brav wie Gold und von possierlicher Unschuld´ und einem gut geheizten Familienhaus.

Schiller hat uns in seinem frühen Stück ´Fiesco´ ein hübsches Selbst-portrait seiner erotisch wilden Jugendjahre hinterlassen. Sein Fiesco ist ein rechter Don Juan, ein Wollüstling, der mit jeder will und sich von jeder verführen lässt, nur nicht von einer der ´anständigen Frauen´,  die man dann heiraten müsste. Einerseits gefällt ihm diese erotische Allerweltsabenteuerei wirklich außerordentlich, andererseits hält ihn, wie er bedauernd feststellt, diese andauernde Unruhe, die damit verbunden ist, zu sehr vom Arbeiten ab. Und also: Vor allem deswegen will er heiraten. Eine vom Typ der ´glücklich machenden Frauen´ ... Es besteht kein Zweifel: Die Ehe soll für ihn ein Hafen sein. Ein idyllischer Fluchtort. Ein Disziplinierungsinstitut. Sie soll ihn von seinen unordentlichen Leidenschaften retten, seine Sexualität in geordnete Bahnen lenken und ihm die Ruhe zum Arbeiten bringen.

Er schreibt an seinen Freund Körner, dass bei dieser Verbindung, die er also eingehen möchte, Leidenschaft nicht das Wichtigste sein werde, im Gegenteil, er suche eine Frau, die wenig Bedürfnisse habe, dafür aber viel Sinn für die alltägliche Wirtschaftlichkeit. 

Aber er schreibt Körner auch, dass dem im Moment noch entgegen-stehe, dass er ja eigentlich auf Grund einer Einladung seiner früheren Freundin  CHARLOTTE VON KALB  hier in Weimar sei. Mit der habe er so etwas wie ein Verhältnis, aber die käme für eine Heirat nicht in Frage, denn die sei ja mit einem anderen verheiratet. Mit der könne man alles machen, nur heiraten könne man sie eben nicht ... Allerdings, schreibt er, sei es sehr schön gewesen, „dass ich mich schon in der ersten Stunde unseres Zusammenseins nicht anders fühlte, als hätte ich sie erst gestern verlassen."

Sie lebe alleine in Weimar, schreibt er, ihr Mann halte sich bei seiner Garnison auf, und er, Schiller sehe die Kalb sehr oft. Manchmal mehrmals am Tag. Obwohl  ihn ihre fürsorgliche Geschäftigkeit doch auch schon zunehmend irritiere.

Mit seinen Heiratsplänen flieht er wohl auch vor ihren von ihm monatelang genährten Wünschen und Hoffnungen. Denn sie will sich seit neuestem sogar seinetwegen scheiden lassen. Kurz: Er will heiraten, aber nicht seine Freundin Charlotte von Kalb.

 
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