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Gerald Szyszkowitz

DIE WIENER DRAMATURGIE

der Freien Bühne Wieden,  fünftes Stück, am 16. Januar 2007

Lessing schreibt in seiner ´Hamburger Dramaturgie´ am 26. Mai 1767 in der Besprechung des Stückes „Julie oder Der Wettstreit von Pflicht und Liebe" des damals erfolgreichen, heute vergessenen Wiener Dramatikers Heufeld: „Der Großteil der Fabel und der größte Teil der Situationen sind aus der ´Neuen Heloise´ von Rousseau entlehnt ..."

Ich könnte heute schreiben, die Fabel meines Stückes ´Arthur Schnitzlers Fanny´ ist aus Schnitzlers Komödie ´Komtesse Mizzi´ entlehnt. Und aus seinem Roman ´Frau Berta Garlan´. Und aus seinen Briefen und Tagebüchern.

Warum ich diese Anleihen genommen habe? Weil ich die originale Fabel wieder ´auferstehen´ lassen möchte. Mit all ihren fünf originalen Charakteren.

1. ARTHUR

Schnitzler ist zum Zeitpunkt meines Stückes - es spielt um die Jahrhundertwende - über vierzig Jahre alt.

2. OLGA

Die erste Frau, die auftritt, ist Olga Gussmann. Sie ist ein dunkler Typ und um Jahrzehnte jünger als Schnitzler. Sie verehrte den Dichter schon als Schauspielschülerin. Aber sie weiß, dass sie kein Einzelfall ist. Erscheint der Erfolgsautor Schnitzler in der Direktionsloge des Burgtheaters, erregt er beträchtliches Aufsehen. „Wenn sein schöner Kopf unten links auftauchte", erzählt Olga in ihren Memoiren, „reckten die jungen Mädchen oben auf der Galerie die Hälse, um ihn besser sehen zu können, denn sie liebten ihn alle."

Im Spätfrühling 1899 bittet Olga Gussmann Schnitzler postalisch um ein Photo.

Der Brief ist so ´hübsch´, dass Schnitzler auf die Absenderin ´neugierig´ wird. Sie soll sich das Bild persönlich abholen. Sie tut es und - dabei besticht ihn, schreibt er in sein Tagebuch, ihre Intelligenz.

Schon bald danach ist Olga schwanger, aber aus verklausulierten Anspielungen in Schnitzlers Tagebuch lässt sich ableiten, dass Olgas Schwangerschaft  frühzeitig endet: „Der Traum ist aus ... Sie musste operiert werden und litt sehr."

Am 26. August 1903 wird Olga Gussmann Frau Arthur Schnitzler, aber ihr aussichtsloser Ehrgeiz, selbst als Sängerin berühmt zu werden, und nicht immer bloß ´nur die Frau eines Berühmten´ zu sein, sorgt für erbitterten Streit, der die Ehejahre vergiftet.

3. WILHELM

Als Olga mit dem jungen Pianisten Wilhelm Gross, einem ständigen Gast des Hauses Schnitzler, von dem sie sich besser verstanden glaubt, ein Verhältnis beginnt, wissen es alle anderen früher als der betrogene Gemahl. Der sich aber, als er es endlich doch erfährt, trotz allen Schmerzes keine abträgliche Bemerkung gegenüber Gross erlaubt. Er ist, schreibt Schnitzler in sein Tagebuch, „an seinem Nebenbuhler mehr belletristisch interessiert als sentimental."

4. und 5. FRANZISKA und SISSY

Die zweite und die dritte Frau, die auftreten, sind Mutter und Tochter, (in der Wirklichkeit hatte Franziska allerdings einen Sohn in diesem Alter, bei uns muss es allerdings aus dramaturgischen Gründen eine Tochter sein), und die hie rin der Sternwartestrasse 71 auftretende Mutter ist die berühmte Franziska Reich, verwitwete Lawner, Schnitzlers Jugendliebe ´Fanny´, die er jahrelang angehimmelt hat. In den frühen Diarien steht allerlei ´von  Küssen und Kosen´ ... Aber Fanny hatte damals dann doch einen anderen geheiratet, und so hat sich die ´große Nähe´ verloren. Ja, später nennt er diese Art von Jugendlieben sogar ´ein kindisches Missverständnis zwischen einem albernen Jungen und einem dumpfen Triebe.´

DAS STÜCK

Zwanzig Jahre sind nun seit der Trennung vergangen. Franziska hat in Bielitz, wo sie auch nach dem Tod ihres Mannes wohnt, in der Zeitung gelesen, dass ihr Jugendfreund Arthur mit dem ´Bauernfeld-Preis´ ausgezeichnet worden ist, hat dem ´berühmten Autor´ sofort brieflich gratuliert, und, geschmeichelt von ihrem vertraut-liebevollen Ton, bittet Schnitzler sie, baldmöglichst nach Wien zu kommen.

Sie steigt am nächsten Tag in den Zug und - da ist sie jetzt.

Verliebt in ihn wie eh und je.

AUS DEM LEBEN WIRD KUNST

Arthur will Fanny zwar schon nach der ersten gemeinsamen Nacht nicht mehr sehen, setzt sich dafür aber gleich hin und schreibt den Roman ´Frau Berta Garlan´. In dem er genau diese Geschichte erzählt. Diese - nach den zwanzig Jahren der Trennung - nun allerdings nur mehr sehr kurze Liebesgeschichte von dem berühmten Künstler, der in Wien wohnt - hinter der Paulanerkirche auf der Wieden - und der verliebten Berta Garlan, die normalerweise in der Provinz wohnt, die aber plötzlich ihren Jugendfreund in der Haupt-  und Residenzstadt besuchen kommt und ...  

AUS DER KUNST WIRD WIEDER DAS LEBEN

Kurz: Die Ähnlichkeit der drei Fabeln in der Wirklichkeit, im Roman und in der Komödie brachte mich auf den Einfall, die Dialoge aus dem Roman ´Frau Berta Garlan´ in die Komödie ´Komtesse Mizzi´ zu integrieren - in der sich auch ein ehemaliges Liebespaar nach zwanzig Jahren Trennung wiedertrifft -, das heißt, ich habe versucht, aus der Gräfin Mizzi und dem Fürsten Egon endlich wieder die zwei eigentlichen Urbilder zu machen: Arthur Schnitzer und Franziska Reich.

Zur weiteren Information empfehlen wir: Ulrich Weinzierl, Arthur Schnitzler, S. Fischer 1994

 
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